Autor Christian Becker über seinen Polit-Thriller „Das Video"
Welcher Gedanke oder welches Bild stand ganz am Anfang von „Das Video“, bevor daraus dieser politische Krimi entstand?
Ich hatte von Anfang an die Vorstellung, einen weltweiten politischen Korruptionsskandal, der für die meisten Menschen abstrakt und weit weg erscheint, an konkrete, uns bekannte, von uns geliebte Schauplätze zu bringen. So, als ob die große Politik sich plötzlich genau da widerspiegelt und aufschlägt, wo wir sie am wenigsten vermuten würden. Für sehr viele Menschen war gerade Corona ein traumatisches Erlebnis, denn die „Probleme der Welt“, die wir sonst nur aus der Zeitung und der Tagesschau kennen, waren plötzlich in unserer eignen Realität angekommen und sind ganz tief in unsere private Welt eingedrungen. Während Themen wir die globale Schuldenkrise, Inflation und Kriege für uns in Deutschland kaum und nur sehr indirekt wahrnehmbare Konsequenzen haben, sah die Lage bei Corona plötzlich völlig anders aus: Unsere Bewegungsfreiheit wurde eingeschränkt, Geschäfte mussten für längere Zeit schließen, uns wurden widersprüchliche und willkürlich anmutende Regeln aufgezwungen für den Umgang mit anderen Menschen, usw. Und genau diesen Effekt hatte ich bei den ersten Überlegungen zu dem Roman bildhaft vor Augen: Menschen, die wir nicht kennen und die über eine ungeheure Machtfülle verfügen, treffen in kleinen Kreisen Entscheidungen, deren Auswirkungen bis in die Orte dringen, die uns so vertraut sind, die zu unserem täglichen Leben gehören. Und diese Auswirkungen verändern unser Bild von dem uns Vertrauten, es ist nicht mehr der unschuldige, völlig unpolitische Ort, es ist nicht mehr unser sicherer Rückzugsraum, der uns vor der Welt beschützt. Eben dieses konkrete Bild hatte ich bei der Entwicklung der Romanidee vor Augen: Eine Leiche im idyllischen Grado entwickelt sich zu einem Puzzlestück einer weltweiten Verschwörung, es öffnet das Fenster zu einer monströsen Realität, der wir nicht so einfach entgehen können, da sie uns überall findet und einholt.
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Mit Grado wählen Sie einen ruhigen, beinahe idyllischen Küstenort als Schauplatz eines politischen Kriminalfalls. Was hat Sie an diesem Ort besonders gereizt und welche Rolle spielt seine Atmosphäre für die Spannung des Romans?
Gegensätze sind eines der Mittel, um Spannung zu erzeugen. Wenn in einer Favela bei Rio de Janeiro eine Leiche auftaucht, dann erfüllt das nur die Erwartungshaltung. Jeder denkt: Klar, da werden laufend Leute umgebracht, das gehört da hin. Ganz anders aber ist es in einem beschaulichen Badeort, an dem Menschen Sonne, Sand und Meer genießen. Ein Mord hat dort gefühlt nichts zu suchen, genau wie es im Roman Commissario Guido ausdrückt: „In Grado wird man nicht ermordet, hier stirbt man an einem natürlichen Tod oder vielleicht an einem Unfall.“ Insofern eignet sich die idyllische Küstenstadt perfekt, um diese Art der Spannung zu erzeugen. Und da ich Grado sehr gut kenne, fällt es mir leicht, seine besondere Atmosphäre zu jeder Jahreszeit zu beschreiben und das Treiben im Ort realistisch darzustellen.
„Ein Mord hat dort gefühlt nichts zu suchen, genau wie es im Roman Commissario Guido ausdrückt: ‚In Grado wird man nicht ermordet, hier stirbt man an einem natürlichen Tod oder vielleicht an einem Unfall.‘“
Claudio Brenner wollte seine Vergangenheit als Kriminalhauptkommissar eigentlich hinter sich lassen, wird dann jedoch persönlich in den Fall hineingezogen. Was zeichnet ihn als Ermittler und als Mensch aus?
Claudio Brenner ist keine eindimensionale „Helden“-Figur, die alles weiß und alles richtig macht. Vielmehr versucht er, sich im Leben an bestimmten Prinzipien zu orientieren, scheitert aber immer wieder daran. Besonders deutlich wird das in der Corona-Zeit, als er sich gegen die von Hysterie und Panik geleitete Politik stellt und versucht, auch seine Kinder von seinen Ansichten zu überzeugen. Schlussendlich muss er einsehen, dass er dabei die familiären Beziehungen stark beschädigt hat, ohne etwas zu erreichen. Analog verhält es sich in seinem beruflichen Umfeld: Als Beamter und Kriminalhauptkommissar kann er sich im öffentlichen Raum nur vorsichtig mit seinen Ansichten bewegen und er verzweifelt daran, dass eine ganze Gesellschaft - insbesondere diejenigen, die seine Ansichten teilen – sich unterordnen und auf Widerstand verzichten. Zumindest versucht Claudio, in seinem Handeln konsequent zu sein, darum hat er seinen Job gekündigt und ist nach Italien ausgewandert. Daneben verkörpert er eine oft spannungsgeladene Mischung aus verständnisvollem „Softie“ mit intensiven Gefühlen und Wahrnehmungen auf der einen Seite und jemandem, der auch außerhalb von Recht und Gesetz seinen eigenen moralischen Vorstellungen folgt und beherzt zupacken kann – auf der anderen Seite. Seine Erfahrungen als Kriminalhauptkommissar bei der Kripo Köln kommen ihm auf jeden Fall zu Hilfe bei seinen privaten Ermittlungen und sie schaffen vor allem eine natürliche Verbindung – sozusagen als Beinahe-Kollegen – zu seinem Nachbarn, Commissario Guido Marin.
„Das Video“ verknüpft Pharmaindustrie, Gesundheitspolitik und die gesellschaftlichen Konflikte der Corona-Jahre. Wie haben Sie für diese Themen recherchiert und wie verbinden Sie reale Hintergründe mit einer fiktiven Kriminalgeschichte?
Ich beschäftige mich seit Beginn der Corona-Zeit sehr intensiv mit den Hintergründen und Fakten rund um dieses Thema. Das schließt politische, soziale, wirtschaftliche, medizinische und wissenschaftliche Aspekte ein. Dabei entstand ein zunehmend klares Bild mit Antworten auf einige zentrale Fragen – wobei einige dieser Antworten auch neue Fragen aufwerfen. Die Quellen für meine Recherchen sind sehr vielfältig, sie reichen von amtlichen Statistiken verschiedener Behörden im In- und Ausland über die geleakten RKI-Protokolle bis hin zu einer großen Sammlung von Beiträgen und Büchern verschiedener Autoren. Entscheidend ist, sich auch mit denjenigen Quellen auseinanderzusetzen, die nicht in den großen Medien vorkommen. In Summe porträtiert der Roman - immer aus Sicht der zentralen Figuren geschildert – diese Zeit, deren Auswirkungen bis in die heutigen Tage hineinstrahlen, sehr deutlich und pointiert. Der kriminologische Aspekt entsteht dadurch, dass Pharmakonzerne eine Pandemie inszenieren und dafür weltweit durch geschicktes Taktieren und vor allem durch monetäre Anreize Politik, Medien und internationale Organisationen wie die WHO in ihre Interessen einbinden. Inwieweit das reine Fiktion ist oder reale Elemente enthält, mag jeder Leser für sich entscheiden. Die Implikationen, die sich aus dieser – fiktiven oder weniger fiktiven - globalen Verschwörung ergeben, führen letztendlich dann zu den Morden in der Romangeschichte, die illegale Aktivitäten und Korruption zu vertuschen versuchen. Und es führt am Ende auch dazu, dass ein Mensch zum Mörder wird, der eigentlich in diesem ganzen Korruptions-Sumpf gar keine Rolle spielt – wodurch eine zweite, parallele Ebene mit einer eigenen Tragik entsteht.
Welche Gedanken oder Fragen möchten Sie den Lesern mit „Das Video“ über die letzte Seite hinaus mitgeben?
Der Roman soll natürlich in erster Linie spannend und unterhaltend sein, so wie man es von einem Thriller erwartet. Er soll aber auch das Potenzial haben, den Leser zum Nachdenken anzuregen. Die Geschichte wird getragen und ist durchdrungen von der Corona-Zeit und den damaligen politischen Maßnahmen, die unsere Gesellschaft bis heute extrem gespalten haben. Und während das Buch kein politisches Plädoyer sein will – sonst wäre es besser ein Sachbuch geworden -, bietet es dem Leser Ansatzpunkte, über die er sich seine eigenen Gedanken machen kann, falls gewünscht. Ich halte es für wichtig, dass Menschen mit den unterschiedlichsten Meinungen zur Corona-Zeit und mit verschieden ausgeprägtem Wissen darüber dieses Buch gerne lesen – der Figuren willen und wegen der Beziehungen und Konflikte, die sie miteinander verbinden. Wer vorher dachte, dass in der Corona-Zeit alles prima gelaufen ist, kann das unangefochten weiterhin tun und den Roman als pure Fiktion betrachten; wer schon damals kritisch gegenüber der offiziellen Politik war, wird sich in vielem bestätigt sehen; und wer sich noch nicht so recht festlegen kann, der findet in „Das Video“ vermutlich ein paar Ansätze, über die er weiter nachdenken und denen er gezielt nachgehen kann.
Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit dem Impian Verlag erlebt und was haben Sie auf dem Weg zur Veröffentlichung als besonders unterstützend oder wertvoll empfunden?
Die Zusammenarbeit mit dem Impian Verlag war einfach und professionell. Zusagen wurden immer eingehalten, und die Qualität von Lektorat und Grafik / Design finde ich sehr gut. Bei besonderen Wünschen meinerseits hat man sich um größtmögliche Flexibilität bemüht – in Summe fühle ich mich bisher sehr gut aufgehoben. Und ich schätze es besonders, dass sich der Verlag auch auf einen Thriller eingelassen hat, der nicht unbedingt dem polit-medialen Zeitgeist hinterherläuft.
Herzlichen Dank für das Interview, Herr Becker!
Zur Website von Christian Becker
Christian Beckers Buch „Das Video“ ist im Buchhandel sowie online erhältlich.

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